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City Tour La Paz Bolivien

von | Mai 7, 2018 | Bolivien, Südamerika

Eine City-Tour? Kann man solo machen: einfach der Nase nach. Oder mit einem professionellen Guide. Am besten aber lässt man sich eine fremde Stadt von jemandem zeigen, der von Berufs wegen jeden Winkel kennt. In La Paz in Bolivien: von einer Schuhputzerin.

City-Tour La Bolivien: Die Plaza San Francisco

Auf der Plaza San Francisco in La Paz kauern kauern Indio-Frauen in Tracht: in polleras, bunten, knöchellangen Röcken, die Haare zu Zöpfen geflochten, darüber Bowler-Hüte. Sie füllen Suppen in Plastiktüten und frittieren churros und empanadas, Krapfen und gefüllte Teigtaschen. Menschen hasten vorbei, auf dem Weg zu Arbeit. Auf der sechsspurigen Hauptstraße, der Avenida Pérez Velasco, verkeilen sich Autos ineinander. Trufis halten kreuz und quer, die für La Paz typischen Minibusse.

„Amigo, quieres que te los lustro? – „Amigo, soll ich dir die Schuhe putzen?“ Die Stimme ist weiblich und kommt aus einem Pulk von Menschen. Alle tragen Thermo-Hose, Daunenjacke, Mütze auf dem Kopf – La Paz liegt in einem Talkessel in den Anden, zwischen 3.300 und 3.600 Höhenmetern. Nachts sinkt das Thermometer auf Minusgrade, morgens dauert es, bis die Sonnenstrahlen die Stadt erwärmen. Die Frau stellt sich als Esther vor. Ein Blick auf meine Schuhe: Ein bisschen Glanz hätten sie schon nötig.

Ein Angebot, das man nicht auschlagen kann

Esther erhebt sich von ihrem Holzkasten und holt ihre Utensilien heraus. Sie bürstet und schrubbt – schnell und gekonnt. Dann trägt sie Farbe auf: cafecito – braun wie Kaffee. Esther erzählt, dass sie seit mehr als 15 Jahren als Schuhputzerin arbeitet. „Ich mag die Arbeit, weil mir viel Zeit für meine Töchter bleibt. Schlecht ist, dass ich kein festes Gehalt habe und auch keine Krankenversicherung. Ich muss von Tag zu Tag sehen, dass ich genug zusammen bekomme.“

Zwei Bolivianos kostet das Putzen der Schuhe – das sind umgerechnet 25 Cent. Der Preis für Einheimische. Von Ausländern werden fünf Bolivianos verlangt, manchmal auch zehn. Esther hält einen Moment inne. „Was hältst Du davon, wenn ich dir La Paz zeige. Damit Du die verschiedenen Gesichter meiner Stadt kennenlernst, nicht nur die touristischen Ecken.“ Durch La Paz mit einer Schuhputzerin, abseits der ausgetreten Pfade? Da kann man nicht nein sagen.

Erste Station auf der City-Tour durch La Paz: die Iglesia San Francisco

Wir gehen in die Iglesia San Francisco, die dem Platz den Namen gibt. Die Franziskaner haben sie gebaut, als Teil eines Klosters: die Wände und Altare üppig verziert. Auf Emporen Heiligenfiguren. Esther schaudert: „Sie machen mir Angst, weil sie jeder Bewegung zu folgen scheinen. Die Kirche wurde über einer Kultstätte der Inkas errichtet, unserer Vorfahren. Die Spanier haben ihre Kirchen immer so gebaut. Sie wollten, dass wir unseren Glauben und unsere Traditionen vergessen. Aber das ist nicht geschehen.“

Die Kirche ist untypisch für Südamerika: Sie hat nur einen Glockenturm. Daneben das Kloster, ein mächtiger Bau mit rostrotem Ziegeldach und Kastenfenstern und Türen aus dunklem Eichenholz. Umgewöhnlich auch die Verzierungen der Fassade. Neben christlichen Ornamenten finden sich Darstellungen von Sonne und Mond – sie sind den Aymara heilig, der größten indigenen Bevölkerungsgruppe Boliviens.

City Tour La Paz Bolivien: Iglesia San Francisco
City Tour La Paz Bolivien: Kartenschalter im alten Hauptbahnhof
City Tour La Paz Bolivien: Gemüsemarkt
City Tour La Paz Bolivien: Fischmarkt

Esther deutet auf die die Avenida Pérez Velasco. Darunter verläuft ein Fluss. „In der Kolonialzeit war genau hier eine Brücke. Der Fluss hat den spanischen Teil der Stadt vom indigenen getrennt. Die Spanier haben drüben gelebt, unsere Vorfahren auf dieser Seite.“ Im frühen Viertel der Kolonialherren, ragen Hochhäuser in den Himmel: Banken, Versicherungen, Ministerien, der Kongress. Und nicht zuletzt der Regierungspalast. La Paz ist zwar nicht die Hauptstadt Boliviens, das ist Sucre, aber der Regierungssitz.

Mit der Gondel von La Paz nach El Alto

Die Estación Central, der Hauptbahnhof. Züge fahren hier längst nicht mehr. Genau genommen ist es immer nur einer gewesen: hinunter nach Arica an der Pazifikküste in Chile. Der Bahnverkehr hat in Bolivien nie eine große Rolle gespielt: zu schwierig die Topographie in den Anden. Dafür verkehren hier zwei Seilbahnen. Die orangefarbene fährt im Norden aus dem Talkessel hinauf, die rote im Süden. Wir nehmen die rote – hinauf nach El Alto.

Die Gondel schwingt sich in die Luft. Über unverputzte Häuser, die an den Hängen zu kleben scheinen. Dazwischen Straßen, die sich in Serpentinen hinauf schlängeln. Und Treppen: nahezu senkrecht, kaum zu erklimmen. Die barrios populares, die Viertel der einfachen Leute. Sie ziehen sich hinauf bis zum Bergkamm, der den Talkessel begrenzt.

City Tour La Paz Bolivien: Schuhputzerin

Seilbahnen statt Busse – von La Paz lernen

Von oben werden die Dimensionen dieser Stadt deutlich. Dass La Paz sich bis in die hintersten Winkel dieses Andentals erstreckt. Eines Tals, das unwirtlich ist, nahezu baumlos, gerahmt von zwei schneebedeckten Bergen. „In der Legende waren die beiden Berge Brüder“, erläutert Esther, „der Illimani und der Mururata. Sie stritten sich, wer der größere sei. Bis der Illimani dem Mururata den Kopf abschlug. Deshalb hat der Mururata keinen Gipfel, er ist oben flach. Die beiden Berge beschützen La Paz.“

Auf der Seilbahn erkennet man auch, wie eng dieses Tal ist. Kein Wunder, dass die Stadtväter im Nahverkehr auf Seilbahnen setzen. Nur so lassen sich auch entlegene Stadtviertel anbinden. Nur so ist der Verkehrsinfarkt zu verhindern. Fünf Linien sind bereits in Betrieb, fünf weitere in Planung. Die Idee, Seilbahnen für den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, kommt ursprünglich aus Medellín in Kolubien. Andere Städte wie Rio de Janeiro haben sie kopiert. Aber nur in La Paz wurde die Idee zu einem Konzept erweitert, das Satdplanerin in aller Welt als Vorbild dient.

City-Tour La Paz Bolivien: Seilbahn

Dünne Luft und grandiose Aussicht: Elt Alto

La Paz hat 750.000 Einwohner. Bei der letzten Volkszählung im 2012 hat El Alto diese Zahl erstmals übertroffen. Und wird bald doppelt so groß sein. El Alto liegt auf 4.100 Metern. Schon in La Paz fällt das Atmen schwer. Hier oben erst recht. Dafür ist der Blick gigantisch: über El Alto, das bis zum Horizont über die kargen Altiplano erstreckt, die Hochebene, die sich bis weit hinein nach Peru zieht. Vor allem aber über La Paz unten im Tal.

Gleich hinter der Seilbahnstation beginnt ein Markt. Oder besser: der Markt. Denn der Mercado 16 de Julio gilt als größter ganz Südamerikas. Er nimmt zehn Straßenblöcke ein. Verkauft wir hier: alles. Von Obst und Gemüse bis zu geschlachteten Lamas und Rindern. Unterhaltungselektronik und Möbel, Haushaltsgeräte und Autoersatzteile. Kleidung und aller erdenklicher Kram. Vereinzelt an Ständen, meist aber auf Decken, die auf dem Boden ausgebreitet sind.

City-Tour La Paz Bolivien: Blick von El Alto

Auf dem Markt in El Alto

Víctor Quispe wühlt sich durch einen Stapel voller Metallteile. Er sucht eine Lichtmaschine für seinen Wagen. „Hier ist es viel billiger als überall sonst“, sagt er. „Warum sollte ich etwas mit Rechnung kaufen, wenn ich es hier billiger bekomme?“ Víctor zieht eine Lichtmaschine aus einem Stapel Alteisen. Es betrachtet sie von allen Seiten. Einerseits prüfend. Andererseits gehört das zum Verkaufsprocedere. 150 Bolivianos will der Verkäufer haben, für 60 wird Víctor mit ihm einig, umgerechnet knapp 8 Euro.

So praktisch Märkte wie dieser sind, so schlecht sind sie fürs Land. Denn wo keine Rechnung, da auch keine Steuern. Eine Verordnung der Regierung Evo Morales, nach der Straßenhändler verpflichtet werden sollen, ihr Geschäft registrieren zu lassen, ist letztes Jahr am Widerstand der Betroffenen gescheitert. Auch Víctor ist dagegen. „Ganz Bolivien lebt davon. Sogar Toilettenpapier wird auf der Straße verkauft. Warum sollte Mann daran etwas ändern?“

Víctor ist ein Alteño: Vor 30 Jahren ist er vom Land hier her gezogen. Damals war El Alto noch eine reine Trabantenstadt, so schmucklos wie ihr Name: Auf Deutsch bedeutet El Alto die Höhe. Die Leute haben unten in La Paz gearbeitet und hier oben mehr schlecht als recht gelebt. Das hat sich geändert. Víctor deutet auf ein Gebäude: schreiend bunte Fassade, zwei Stockwerke. Und obendrauf etwas, das aussieht wie ein Einfamilienhaus.

Von Cholets und Cholitas

„Solche Gebäude nennt am cholets. Unten sind Läden, im ersten Stock ein Saal für Veranstaltungen. Und im Häuschen auf dem Dach leben die Besitzer.“ Cholet ist ein Wortspiel, gebildet aus dem französischen Wort chalet, Landhaus, und den spanischen cholo, Mestize. In Bolivien war cholo eine abwertende Bezeichnung für die indigene Bevölkerung. Bis die Aymara und Quechua begannen, sich den Begriff anzueignen – und ihn damit ins Positive gewendet haben. Cholita, die verkleinerte weibliche Form, gilt heute als Ehrenbezeichnung.

Auch die Cholets wurden anfangs von der Oberschicht in La Paz belächelt: zu geschmacklos, zu protzig. Heute stehen sie für ein neues indigenes Selbstbewusstsein, nicht nur in El Alto. Wer zu Geld gekommen ist, lässt sich ein Cholet bauen. Wer noch mehr hat, beauftragt Freddy Mamani. Bei der Gestaltung von Gebäuden nimmt der Star-Architekt aus El Alto immer wieder Bezug auf die Mythologie der Aymara. Seine Formen erinnern an Schlangen, Kondore, Sonne und Mond. Die Fachwelt spricht von „novo-andiner Architektur.“ Mit Esther Mamani ist der Architekt nicht verwandt – der Nachname kommt in Bolivien so häufig vor wie Müller in Deutschland. Cholitas leiten Firmen und lächeln von Werbetafeln.

City-Tour La Paz: Wandschrift

Zurück in La Paz: die barrios populares

Auch in den barrios populares, den Vierteln der einfachen Leute, ist das neue indigene Selbstbewusstsein zu spüren. Frauen in Tracht sind hier die Regel, nicht die Ausnahme. Gut so findet Esther: „In Bolivien hat sich viel bewegt durch Evo, den ersten indigenen Präsidenten unseres Landes. Durch ihn sind die Menschen in Bolivien gleicher geworden. Wenn Du Mamani, Quispe oder Condori heißt, waren dir viele Lebensbereiche verschlossen, nur wegen deines Nachnamens. Das hat sich geändert.

Esther biegt in eine Seitenstraße ab. Ein Hutladen neben dem anderen. Mit Hüten in alle Farben und in allen Formen. Bei den Cholitas ist der Bowler der beliebtesten Hut. Er wird über einem Dutt balanciert, meist schräg sitzend und mit Kettchen verziert. Originär ist er allerdings nicht. In 1920ern Jahren landete eine Lieferung dieser Herrenhüte versehentlich in La Paz. Bei den Männern in Bolivien kam der Bowler nicht an. Deshalb begann der Importeur sie an arme Frauen zu vermarkten. Mit Erfolg.

Auf City-Tour in La Paz: das Viertel der polleras

„Auch die pollera selbst ist europäischen Ursprungs. In der Kolonialzeit haben indigene Frauen angefangen, die Mode der Spanierinnen zu kopieren, die langen, weiten Röcke. Damals haben Cholitas auch Stiefelletten getragen, wie die Spanierinnen. Aber auf den Straßen hier, beim ständigen Auf und Ab, waren sie zu unpraktisch. Heute tragen Cholitas flache Schuhe.“

Ihre pollera kauft die Cholita an der Plaza Marcelo Quiroga. Einfache bei Straßenhändlern, die ihre Stände bis weit in die Fahrbahn aufgebaut haben, teurere in Boutiquen. Die Auswahl ist enorm, die Vielfalt der Farben auch. Gedeckte Töne und leuchtende, einfarbige Röcke und gemusterte.

City-Tour La Paz: cholita

Auf dem Hexenmarkt in La Paz

Die Calle Santa Cruz ab. Trufis quälen sich die steil ansteigende Straße hinauf. Auch hier Laden an Laden. Auch hier ragen die Auslagen weit in die Fahrbahn hinein. Nur dass hier keine Tracht verkauft wird. Auf den Ständen Salben und Tinkturen. Und getrocknete Lamaföten. „Das ist der Mercado de la Brujas, sagt Esther, der Hexenmarkt.“

Esther betritt einen Laden. Drinnen ist es eng, man kann sich kaum um die eigene Achse drehen. Auf Tischen und Ablagen Tierfiguren in allen Größen: Frösche, Schlangen, Berglöwen. Und Regale mit Wundermitteln bis unter die Decke.

Lamaföten und allerlei Tinkturen: Hexenmarkt in La Paz

Der Zauber wirkt – wenn man daran glaubt

Der Laden gehört Mónica Acarapi. Familienbesitz in dritter Generation. Sie bedient zwei Kundinnen. Der ersten verkauft sie ein paar Kerzen. „Jemand hat Geld aus ihrem Haus gestohlen“, erzählt Mónica. „Wenn sie die Kerzen anzündet, werden sie ihr den Täter nennen.“ Der zweiten verkauft sie nach langer Beratung ein Amulett.„Sie ist unglücklich verliebt. In das Amulett kommt ein Fotos des Mannes rein. Sie muss es in ihrem Portemonnaie immer bei sich tragen, dann findet er zu ihr.“ Und das funktioniert? Esther nickt. Monica auch: „Wenn man daran glaubt.“

Wer zu Monica Acarapi kommt, glaubt an ihren Zauber. Sie verkauft Pulver und Salben gegen alles, von Gastritis bis Hautkrebs, von Migräne bis Impotenz. Die Froschfigur hilft bei Geldproblemen. Man steckt ihr ein paar Bolivianos ins geöffnete Maul, schon verflüchtigen sich die Sorgen. Der Berglöwe verleiht Kraft, die Schlange kauft, wer Groll gegen jemanden hegt. Und die Lamaföten? „Die Lamaföten sind ein Opfer für Pachmama, die Mutter Erde. Damit sie uns Arbeit, gibt, Gesundheit, Wohlstand, Liebe. Der Fötus wird mit Süßigkeiten auf einem Tisch verbrannt. Das kannst Du bei dir Zuhause machen, in deinem Büro oder Geschäft. Oder auf deinen Bauernhof, wenn Du auf dem Land lebst.“

Ende der City Tour La Paz: die Plaza San Francisco

Zurück auf der Plaza San Francisco. Es ist dunkel geworden. Ein blinder Sänger schmachtet Tangofetzen. Ein paar Meter weiter bringt ein Komiker Passanten zum Lachen. Ein Gaukler zeigt seine Kunststücke, ein anderer warte schon, um zu übernehmen. Die halbe Stadt scheint auf den Beinen- wie jeden Abend. Esther Mamani kaut an einem Fleischspieß. „Für mich ist dies die schönste Stadt der Welt. La Paz vereinigt Gegensätze. Und es ist immer etwas los. Das liebe ich.“

City-Tour La Paz: Plaza San Franciso abends

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