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Das Mädchen aus Ipanema

von | Mrz 15, 2018 | Brasilien

Das Mädchen aus Ipanema: Statue von Tom Jobim

Ein Königreich für eine Klimaanlage! Es ist heißt in Rio de Janeiro, und in der Bar Garota de Ipanema ist es noch heißer. Unter der Decke surren klapprige Ventilatoren träge vor sich hin. Und durch die halb offenen Fenster weht kaum ein Lufthauch. So ist es heute, und so muss es früher gewesen sein, als das Lokal noch Bar Veloso hieß und ein Treffpunkt für Rios Boheme war.

Zu den Stammgästen zählten der Komponist und Pianist Antonio Carlos Jobim, den alle nur Tom nannten, und der Diplomat und Poet Vinícius de Moraes. Beides waschechte cariocas, wie die Einwohner von Rio de Janeiro genannt werden. Beides Liebhaber edler Whiskys und schöner Frauen. Hier, so die Legende, haben sie ihr berühmtestes Lied geschrieben: The girl from Ipanema“, auf Portugiesisch „A garota de Ipanema“. João Gilberto, das große Genie der brasilianischen Popmusik, hat den Song 1964 mit seiner damaligen Frau Astrud und dem amerikanischen Saxofonisten Stan Getz aufgenommen  – ein Welthit.

„Ihr Hüftschwung wie ein Samba“

Inspiriert wurden die beiden durch eine 17-jährige Schönheit, die jeden Tag an der Bar vorbei zum Strand ging „Ihr Hüftschwung wie ein Samba, ihr Körper vergoldet von der Sonne Ipanemas” – angeblich war Vinícus de Moraes so verzückt von ihrem Anblick, dass er diese Zeilen auf einer Papierserviette notiert, während Tom Jobim bereits die Melodie summte. Tatsächlich hat Jobim das Lied in seinem Haus geschrieben, zwei Straßenblöcke entfernt. Und de Moraes den Text in seiner Villa in Petrópolis, einer Stadt im Landesinneren des Bundesstaates Rio de Janeiro.

Mit den kleinen, blauweißen Mosaikkacheln und den schweren Möbeln aus Eichenholz strahlt das Garota de Ipanema den Charme einer vergangenen Epoche aus. Das Publikum ist bunt gemischt: Geschäftsleute beim Business-Lunch, Nachtschwärmer beim Frühstück, junge Männer, die bei einem Cocktail den Tag verträumen. Und viele Touristen.

Bossa Nova – Musikstil zwischen Lässigkeit und Eleganz

In Copacabana und Ipanema hat man den Eindruck, das Lied sei auch 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung allgegenwärtig. Kein Wunder, denn es repräsentiert die Bossa Nova, einen Musikstil, der Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in Rio de Janeiro entstanden ist. Die Bossa Nova wiederum bringt das Lebensgefühl der Cariocas auf den Punkt, diese Mischung aus Lässigkeit und Eleganz, das Ganze sexuell aufgeladen, aber immer leicht und verspielt.

So jedenfalls sieht das Carlos Affonso, ein Mann mit weißen, widerspenstig abstehenden Haaren und einem Teint, der alles ist, nur nicht vergoldet von der Sonne Ipanemas. Carlos Affonso betreibt einen Plattenladen, die Toca de Vinícius. Der Name, übersetzt: Vinícius’ Plattenspieler, ist Programm: Carlos Affonso hat sich auf Bossa Nova spezialisiert, auf Platten, CDs, Filme und Bücher.

Die Garota de Ipanema

Seine Vorträge gibt es gratis dazu: „Das Besondere an der „Garota de Ipanema“  ist die Produktion. Das Lied ist über fünf Minuten lang. So viel Zeit bräuchte es gar nicht. Warum also? João Gilberto, Astrud Gilberto, Stan Getz und Tom Jobim führen uns hier vor, was Bossa Nova ausmacht.“

Wenn Carlos Affonso spricht, untermalt er seine Worte mit ausladenden Armbewegungen. Und die Lautstärke seines Vortrags reicht aus, um einen Hörsaal zu beschallen.„Tom Jobims am Piano – er spielt nur das Nötigste. Die Stimmen von João und Astrud – nur gehaucht. Der Gesang steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern die Musik als Ganzes. Die Stimmen sind nur ein weiteres Instrument.“

Die Toca de Vinícius

Dabei müssen die Plattenaufnahmen die Hölle gewesen sein. João Gilberto und Stan Getz waren sich auf Anhieb unsympathisch, und dass Astrud den englischsprachigen Text singt, hat niemand gewollt, außer ihr selbst. Dazwischen: Tom Jobim als Mittler. „Aber der Platte“, schließt Carlos seinen Vortrag, „hört man diese Animositäten nicht an.“

Die Toca de Vinícius liegt an einer verkehrsreichen Geschäftsstraße. Es wird gedrängelt und gehupt, Fußgänger hasten von Einkauf zu Einkauf. Zu Zeiten der Bossa Nova standen hier fast nur Einfamilienhäuser, bewohnt von verarmtem Großbürgern. Ende der 60er Jahre setzte ein  Immobilen-Boom ein, initiiert eben durch das „Girl from Ipanema“ und die Träume und Sehnsüchte, die es weckte. Heute ist Ipanema ein bevorzugtes Wohnviertel, mit allem, was eine betuchte Klientel wünscht: mit guten Restaurants, edeln Boutiquen, hippen Bars und einem traumhaften Strand.

Wäre die Welt wie die Bossa Nova

Abends auf dem Arpoador, dem Felsen, der zwischen Ipanema und Copacabana in den Atlantik ragt. Ein paar hundert Menschen haben sich hier versammelt, wie üblich nach einem Strandtag. Sie reden, lachen, trinken, essen. Von irgendwo erklingt ein Lied. „Corcovado“ , auch von João Gilberto und mehr noch als das „Girl from Ipanema“ eine Liebeserklärung an Rio de Janeiro:

„Ein Liedchen, gespielt auf einer Gitarre“, hießt es darin. „Es macht jeden glücklich, der es liebt. Viel Ruhe zum Nachdenken und Zeit zum Träumen. Am Horizont die Christusstatue auf dem Corcovado.“

Wäre die Welt wie die Bossa Nova, sie wäre perfekt.

Das Mädchen aus Ipanema

von Tom Noga | Produktion für den WDR (Teil 1)

Das Mädchen aus Ipanema

von Tom Noga | Produktion für den WDR (Teil 2)

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