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Die Wunderheilerin aus Rio de Janeiro

von | Mrz 26, 2019 | Brasilien, Südamerika, Uncategorized

Durch Glauben heilen? In Brasilien geht das. Man schätzt, dass es um die 1.000 Wunderheiler im Land gibt. Größter Star der Zunft ist Alani Valle dos Santos. Sie ist 14 und hat schon mit drei Jahren ihre ersten Wunder vollbracht. Sagt ihr Vater, Pastor Adauto.

Ich bin Deutscher, meine Frau Tays ist eine waschechte carioca – sie kommt aus Rio de Janeiro. Einmal im Jahr fliegen wir in die cidade maravilhosa, ihre wunderbare Heimatstadt. Verwandte besuchen, brasilianische Lebensfreude genießen. Und für Tays heißt es: Kraft tanken fürs Leben in Deutschland.

Oft fliegen wir auch wegen unserer Arbeit rüber. Für America ViVa, unsere Firma. Aber auch für journalistische Recherchen. Tays hilft mir mit Kontakten und bei Übersetzungen. So machen wir das seit Jahren. Mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team. Bei manchen Geschichten aber nicht. Dann wird mit bewusst, das wir aus zwei Kulturen kommen, die unterschiedlicher kaum sein können. Wie bei dieser.

Unterwegs zur Wundheilerin

Wir stehen an der Avenida Nossa Senhora de Copacabana in Rios Zona Sul und warten auf unser Taxi nach São Gonçalo, eine Stadt aus der anderen Seite der Bucht, an der Rio de Janeiro liegt. Die Warnungen meines Schwagers im Kopf: „Fahrt da bloß nicht hin – viel zu gefährlich.“

Kühn schwingt sich die Brücke über die Bucht. Ein malerisches Bild: türkisfarbenes Wasser, kleine, bewaldete Inseln. Wir fahren nach Niterói, eine graue Industriestadt und dann eine Landzunge hinauf. Unser Ziel: die Missão Internacional de Milagres – der Gottesdienst einer jugendlichen Wunderheilerin, der berühmtesten in Brasilien.

Ich bin skeptisch. Weil ich einen geschäftstüchtigen Vater im Hintergrund vermute. Tays stimmt mir erst zu: „Viele Kirchen generell in Südamerika sind wie eine Firma, ein Geschäft. Sie nutzen den Glauben der armen Leute aus. Weil armen Leute in Südamerika sehr naiv sind und nichts haben au0er die Hoffnung, dass sich ihr Leben durch den Glauben verbessert.“ Aber sie beharrt: „Wenn man an Gott glaubt, können Wunder geschehen.“

Wunderheilern in Rio de Janeiro: Zuckerhut

Die Wunderheilerin und ihr Vater, Pastor Adauto

Alani sitzt im Regieraum ihrer Kirche: schwarze, schulterlange Haare, schlichtes, knöchellanges Kleid, Ballerinas an den Füßen. Regieraum ist übertrieben, tatsächlich handelt es sich um einen Verhau aus Plexiglas-Scheiben: oben offen, mit Schiebetür und Scheibe mit Blick auf den Altar. Ihre Kirche ist eine Lagerhalle mit Wellblechdach – ungewöhnlich für mich als Katholiken, normal für Tays als brasilianische Protestantin. Neben Alani sitzt ihr Vater, Adauto dos Santos: ein großer Mann mit Raspelschnitt, in Stoffhose und langärmeligem Hemd. Adauto dos Santo ist Pastor der Missão Internacional de Milagres, der internationalen Mission der Wunder. Selbsternannter Pastor.

Alan erzählt von einem Video.: „An die Sache selbst kann ich mich nicht erinnern, weil ich erst 3 Jahre alt war. Eine Frau kam zu mir. Sie hatte einen Oberschenkelhalsbruch, konnte weder stehen noch gehen. Ich habe meine Hände auf sie gelegt und plötzlich stand sie auf und fing an, ganz normal zu gehen.“ Pastor Adauto ergänzt:„ Ein unglaubliches Erlebnis. Dann erhobt sich eine Person und sagte in einer fremden Sprache: Heute segne ich das Wirken der Missionarinha.“

 

Wunderheilern in Rio: Zeitungsausschnitte
Wunderheilern in Rio: noch mehr Zeitungsausschnitte
Wunderheilern in Rio: Blick aus ihrer Kirche
Wunderheilern in Rio: die Kirche der Missionarinha

Ein etwas anderer Gottesdeinst

Der Gottesdienst beginnt. Mit einem ein Lied über Wunder, so der Text, wie sie nur Gott in seiner Größe vollbringen kann. Gesungen von Alani. Ein Mann in der erste Reihe singt lauthals mit. Tays fragt ihn, ob er mit uns reden möchte. Er will. Der Mann heißt Marcelo und kommt von der Ilha de Paquetá, einer Insel in der Bucht. Mit Fähre und Bus ist er über eine Stunde unterwegs – jeden Mittwoch. Er betet er, endlich sehen zu können.

Die Predigt von Pastor Adauto.. Zum Thema Krankheiten. Begleitet von einer Powerpoint-Präsentation. Über die Leinwand huschen Schaubilder: Depression, Schizophrenie und andere mentale Krankheiten lassen sich demnach auf Adams Urangst nach der Vertreibung aus dem Paradies zurückführen, die meisten körperlichen Krankheiten auf psychosoziale Ursachen. Und die, so Pastor Adauto lassen sich heilen. Durch Gebete. Durch festen Glauben. Und durch Menschen, denen Gott die Fähigkeit geschenkt hat, andere zu heilen. Auftritt Alani: ernster Gesichtsausdruck, gesenkter Blick.

 

Die Wunderheilerin in Aktion

Pastor Adauto bittet die Kranken nach vorn. Ana Maria pufft ihrem Mann in die Seite. Zögernd steht Carlos Alberto auf und trottet Richtung Bühne. Auch Marcelo reiht sich ein. Pastor Adauto wendet sich Carlos Alberto zu: „Erzähl mir, woran Du leidest.“ Carlos Alberto erzählt mit tonloser Stimme von seinem Augenleiden. Pastor Adauto tätschelt seine Schulter: „Die Missionarinha wird dich heilen.“ Alani legt ihm die Hände auf die Stirn und betet: mit geschlossenen Augen. „Und?“,. fragt Pastor Adauto, „immer noch ein Schatten?“ Carlos Alberto windet sich: „Der Schatten ist … verschwunden.“ „Halleluja“ ruft Pastor Adauto.

Es ist eine von fünf Heilungen an diesem Abend. Von fünf angeblichen Heilungen. Ein Mann und eine Frau können nach Knieproblemen wieder laufen, bei zwei anderen sind Rücken- und Armschmerzen wie weggeblasen. Nur Marcelo kann immer noch nicht sehen. „Auch dich wird Gott heilen“, ruft Pastor Adauto ihm zu, „komm weiter in den Wundergottesdienst.“

 

 

Wunderheilern in Rio: Pastor Adauto predigt
Wunderheilern in Rio: Gläubige beim Gebet
Wunderheilern in Rio: Alani
Wunderheilern in Rio: Bitten um Gesundheit

Ein Geheilter und einer, der noch nicht dran war

Nach dem Gottesdienst. Die meisten Gläubigen machen sich auf den Weg. Ungewöhnlich für Freikirchen, bei denen sonst Gemeinschaft über den Gottesdienst hinaus gepflegt wird. Marcelo setzt seinen Rucksack auf und fährt den Blindenstock aus: „Ich werde oft gefragt: Gott heilt so viele Menschen, warum dich nicht? Die Antwort ist einfach: Ich bin noch nicht an der Reihe.“

Carlos Alberto steht langsam auf. Optisch ist keine Veränderung zu erkennen: Immer noch ist der rechte Augapfel blutunterlaufen und geschwollen. Ana Maria strahlt.

„Wie hast Du die Heilung erlebt“, fragt sie.

„Um mich herum war alles irgendwie rot. Ich habe gesagt: Lieber Gott, ich mache, was Du willst.“

„Und was hast Du gefühlt?“

„Wie die Leute sagen und wie es in der Bibel steht: überwältigend. Da war plötzlich eine Wolke…“

Für mich ist die Sache klar: Ich kaufe ihm die Heilung nicht ab. Ich habe Unsicherheit in seinem Blick wahrgenommen, als der Pastor ihn nach Alanis Gebt ansprach. Für mich hat Carlos Alberto dem Gruppendruck nachgegeben „Da war kein Druck“, kontert Tays. „Ich glaube, dass jeder Mensch durch den Glauben geheilt werden kann. Und dass Jesus Menschen wie Alani dazu benutzt.“

 

Alanis größtes Wunder

Eine Viertelstunde später. Alan sitzt wieder im Regieraum. Sie wirkt schüchtern. Pastor Adauto schaltet einen Computer an und klickt sich durch Video-Archive. Jeder Wundergottesdienst wird gefilmt, die spektakulärsten veröffentlicht auf dem You-Tube-Kanal der Missionarinha. Wie die Heilung des kleinen Richard, Alanis größtes Wunder, sagt Pastor Adauto.

Richard war damals 5Jahre alt, Alani 6. Der kleine Junge aus Niterói, São Gonçalos Nachbarstadt, war mit einer Niereninsuffizienz auf die Welt gekommen. Durch die regelmäßige Blutwäsche waren die Adern an den Beinen angeschwollen. Er litt an Thrombose und konnte kaum gehen. Alan legt ihm die Hand auf betet. Dann läuft er unter dem Jubel der Gemeinde vor dem Altar auf und ab. Hörst Du, wie er ruft: Ich bin geheilt“, fragt Pastor Adauto.

Genau das hört man nicht. Und selbst wenn: Wäre es der Beweis für die Heilung des kleinen Jungen? Dass die Nieren einwandfrei funktionieren? Kein brasilianischer Fernsehsender hat darüber berichtet, keine Zeitung darüber geschrieben. Auch im Internet: nichts außer dem Video. Gerne würden Tays und ich schauen, was aus Richard geworden ist. Mit seinen Eltern sprechen. Nicht möglich, sagt Pastor Adauto: „Die Familie lebt weit weg, sie ist arm. Sie kommen nicht mehr zum Gottesdienst und ich habe keinen Kontakt mehr zu ihnen.“

 

Geschäft oder nicht?

Pastor Adauto zählt die Kollekte: 759 Reais, das sind umgerechnet knapp 200 Euro. Etwas mehr als der brasilianische Mindestlohn. Nicht schlecht für einen Abend. Pastor Adauto scheint eine Marktlücke gefunden zu haben im Geschäft mit dem Glauben. Und lebt nicht schlecht davon. Alani besucht eine Privatschule. Er selbst fährt einen japanischen Geländewagen – die Spende eines Gläubigen, wie er betont. Und für ein Häuschen hat es auch gereicht. Aber Pastor Adauto bestreitet vehement, dass es ihm ums Finanzielle geht. Er sagt, dass seine Kirche Geld kostet: Miete, Strom, Fahrten. Und er fragt rhetorisch, warum er ausgerechnet in São Gonçalo leben sollte, wenn es ihm nicht um die Menschen hier ginge. „Wer zu mir in die Kirche kommt, dem wurde medizinisch nicht geholfen. Der wurde von Ärzten betrogen oder kann sich medizinische Hilfe nicht leisten. Wer Hilfe im Glauben sucht, hat sie von den Ärzten nicht bekommen. Diesen Menschen öffnen wir unsere Türen.“

 

 

Die Sache mit dem Laptop

Wir sind noch dreimal zum Wundergottesdienst gegangen Haben mit Alani gesprochen, mit Pastor Adauto, mit Marcelo, dem Blinden, der immer noch nicht sehen kann. Und mit Carlos Alberto – er behauptet weiterhin steif und fest, geheilt zu sein. Wir haben Heilungen gesehen: tatsächliche, wie Tays findet, angebliche in meinen Augen. Zurück in Deutschland hat Tays Pastor Adauto eine Nachricht geschickt: Wir haben Kleidung übrig von unserer Tochter und unseren Söhnen. Tays wollte sie ihm schicken – für die armen Kinder in seiner Gemeinde. Pastor Adautos Antwort war knapp: Er brauche eher zwei Laptops. „Das fand ich enttäuschend“, sagt Tays, „deshalb habe ich nicht geantwortet. Es war traurig.“

 

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