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Iquitos Dschungeltour: Auf den Spuren von Fitzcarraldo

von | Jun 8, 2018 | Peru, Südamerika

„Fitzcarraldo“ ist ein monumentaler Film: Nie war Regisseur Werner Herzog besser, nie Klaus Kinski als Hauptdarsteller. Gedreht wurde in Amazonien: in der Dschungelstadt Iquitos und am Río Camisea. Eine Spurensuche mit Walter Saxer. Er war damals Produktionsleiter. Und betreibt seitdem in Iquitos das Boutiquehotel La Casa de Fitzcarraldo.

Sie steht da, breit und trutzig auf der Plaza de Armas in Iquitos , die Iglesia San Juan Bautista. Eine Kirche im Missionsstil, weiß, mit langem Mittelschiff und zwei Glockentürmen. Auf einem dieser beiden Türme hat er sich von unten ins Bild geschoben, in einem schmuddligen, weißen Leinenanzug, die blonden Haare ungekämmt, der Blick wirr: Klaus Kinski in seiner vielleicht besten Rolle, als Fitzcarraldo in Werner Herzogs gleichnamigem Film aus dem Jahr 1982. „Ich will eine Oper haben“, ruft er und schlägt dabei wie wild die Glocke, „Diese Kirche bleibt geschlossen, bis diese Stadt eine Oper hat! Ich werde meine Oper bauen!“

 

Iquitos: eine Stadt im Dschungel

Eine Oper hat Iquitos bis heute nicht, weder im Film noch in der Realität. Und auch sonst wirkt die Stadt unfertig. Die Casa de Fierro, das von Gustave Eiffel entworfene Eiserne Haus, steht leer. Das modernistische Hotel El Dorado Plaza, ein Haus mit fünf Sternen, wartet meist vergeblich auf Gäste. Dahinter ragt ein blassblaues Skelett in den Himmel. Das Hochhaus sollte das Wahrzeichen einer aufstrebenden Stadt werden. Nachdem der Rohbau stand, erwies sich das Fundament als instabil. Ein paar Meter weiter schob sich bis vor ein paar Jahren der Amazonas vorbei, breit und träge. Dann änderte er seinen Lauf und der Río Ithaya, einer seine Zuflüsse, flutete das Flussbett.

„Die Stadt Iquitos, obwohl von jeglicher Straßenverbindung abgeschnitten, scheint den Ozean von Dschungel, der sie umklammert hält, gar nicht wahrzunehmen“, vertraute Werner Herzog während der Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ seinem Tagebuch an. Das ist schön formuliert und doch falsch, denn Iquitos ist schon auf den ersten Blick die Fortsetzung des Dschungels, eine Stadt im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen.

Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo rosa Delfi

Der echte Fitzcarraldo: eine Legende in Iquitos

Sein Tagebuch hat Herzog im Jahr 2004 veröffentlicht – unter dem Titel „Die Eroberung des Nutzlosen“. Das spielt auf eine Filmszene an. Als Brian Sweeney Fitzgerald, den alle in Iquitos Fitzcarraldo nennen, dem Geldadel der Stadt eine Arie von Caruso vorspielt, um für seine Opernpläne zu werben, prostet ihm ein Oligarch zu: „Auf Fitzcarraldo, den Eroberer des Nutzlosen“. Was dieser kontert: „Ich bin in der Mehrheit! Ich bin die Milliarden! Ich bin das Schauspiel im Wald!“

Der Dialog ist Fiktion, aber den Abenteurer Fitzcarraldo hat es tatsächlich gegeben: zu Zeiten des Kautschukbooms Ende des 19. Jahrhunderts, als Glücksritter aus aller Welt in Scharen in die einst von Jesuiten gegründete Urwaldstadt strömten. Fitzcarraldo war einer der reichsten Kautschukbarone . Und ist früh gestorben: Auf der Rückreise nach Iquitos ist er bei einem Schiffsbrand umgekommen – da war er gerade mal 35 Jahre alt.

 

Treffen mit Walter Saxer

Zum ersten Mal hat Walter Saxer im Jahr 1976 von Fitzcarraldo gehört. „Ein Freund von uns, ein Peruaner, kam zu Herzog und mir und sagte: „Mensch, da muss doch ein Film drüber zu machen sein.“ Herzog hat sich der Story angenommen, die Geschichte mit der Oper drum herum gebaut und so eine Figur geschaffen, die Kultur in diese Wildnis bringen will.“

Walter Saxer war Produktionsleiter in zahlreichen Filmen von Werner Herzog, unter anderem bei „Fitzcarraldo“. Er sitzt vor einem Bier an der Bar einer kleinen Ferienanlage, der Casa Fitzcarraldo. Ein Mann Anfang 70, mit Walross-Schnäuzer und lichtem, weißen Haar. Im Grunde ist die Casa Fitzcarraldo eine Villa mit Pool, inmitten eines tropischen Gartens. Während der Dreharbeiten diente das Haus als Hauptquartier für Herzog und sein Team. Anschließend hat Walter Saxer es übernommen – als Honorar für seine Arbeit, alles Geld war aufgebraucht.

Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo Filmplakat
Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo Plakat mein liebster Feind
Iquitos Dschungeltour Aguirre

La Casa de Fitzcarraldo

Bei Filmfreunden ist die Casa Fitzcarraldo sehr beliebt. Sie übernachten im Green Room, einer kleinen Suite, in der damals Klaus Kinski einquartiert war. Im Blue Room – dort hat Mick Jagger genächtigt. Der Sänger der Rolling Stones spielte in der ersten Fassung des Films den Wilbur, Fitzcarraldos manischen Kumpanen. Oder im Bungalow hinterm Pool, der damals Werner Herzog vorbehalten war.

Die Vorbereitung für den Film begannen im Herbst 1977., Eine Werft am Río Nanay wurde mit dem Bau zweier Schiffe beauftragt. „Die Straße von Iquitos hier raus gab es noch nicht“, erinnert sich Walter Saxer. „Das war eine Art Flussbett, befahrbar nur mit dem Motorrad. Wir kamen an diesem Haus vorbei. Es stand leer.“

Das Haus gehörte einem neureichen US-Amerikaner, der das Land Hals über Kopf verlassen musste. Walter Saxer grinst. Iquitos ist vom Rest Perus nur im Flugzeug oder per mehrtägiger Schiffsreise erreichbar. Aber über die grüne Grenze nach Kolumbien sind es im Schnellboot nur ein paar Stunden. Dort boomte damals das Geschäft der kolumbianischen Drogenbarone.

 

Ein Schiff und ein Berg

Auch der echte Fitzcarraldo war auf den verzweigten Zuflüssen des Amazonas unterwegs. Auf der Suche nach Kautschuk war er bis in die bolivianische Provinz Beni vorgedrungen. Um das Gummi abzutransportieren, ließ er ein Schiff zerlegen und die Einzelteile von Indios über einen Berg schleppen – von einem Fluss zum anderen. Bei Herzog sollte es aus dramaturgischen Gründe bombastischer sein: Er will ein ganzes Schiff über einen Berg ziehen.

Potenzielle Geldgeber aus Hollywood schlagen ihm vor, die Szene mit einer Miniatur in einem botanischen Garten im kalifornischen San Diego zu drehen. Für Herzog undenkbar, wie er in seinem Tagebuch schreibt: „Ich sagte die undiskutierbare Selbstverständlichkeit, es müsse ein wirklicher Dampfer über einen wirklichen Berg sein, aber nicht um des Realismus willen, sondern wegen der Stilisierung eines großen Opernereignisses. Von da an hatten die Höflichkeiten, die wir austauschten, eine dünne Schicht von frostigem Raureif. “

 

Der erste Dreh: eine Katastrophe

Anfangs wurde noch ohne Klaus Kinski gedreht. Die Hauptrolle hatte Herzog mit Jason Robarts besetzt, einem wenige bekannten US-Amerikaner. Robarts war damals 58 Jahre alt. Walter Saxer: „Nach sechs Wochen Dreh haben wir die ersten Muster gesehen – eine Katastrophe. Die Hauptrolle total falsch besetzt, das war wie einer aus dem Altersheim. Mario Adorf also Schiffskapitän hatte Ambitionen auf die Hauptrolle und hat hinter desse Rücken Stimmung gegen Robarts gemacht: Er sei der Richtige für diese Rolle.“

Walter Saxer führt durch einen Laubengang. An den Wänden Bilder vom Set. Claudia Cardinale in einem schlichten weißen Kleid, das brünette Haar hochgesteckt – sie spielt Fitzcarraldos Lebensgefährtin, die Puffmutter Molly. Das Team beim Überqueren eines Flusses, Mick Jagger inmitten von indianischen Statisten. Von Jason Robarts ist nichts zu sehen. Nach der ersten Drehphase flog der Schauspieler zurück in die USA und ließ über seine Anwälte ausrichten, dass er die Arbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht fortsetzen könnte.

Ein dreifacher Glücksfall. Erstens greift eine Ausfallversicherung in Höhe von vier Millionen Dollar und rettet das chronisch unterfinanzierte Projekt. Zweitens schreibt Herzog die Rolle des Wilbur, von Mick Jagger wie die Karikatur eines Wahnsinnigen gespielt, aus dem Drehbuch heraus. Der Regisseur erwägt, die Rolle des Fitzcarraldo selbst zu übernehmen, weil seine Aufgabe und die seiner Figur identisch geworden sind, wie er in seinem Tagebuch bemerkt. Stattdessen fliegt Herzog nach New York, um Klaus Kinski zu treffen – der dritte Glücksfall.

Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo: Klaus Kinskis Zimmer
Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo: Werner Herzogs Suite
Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo Mick Jaggers Zimmer
Iquitos Dschungeltour Casa de Fitzcarraldo: Pool

Aguirre und der Zorn Kinskis

Die Beiden kennen sich seit den Dreharbeiten zu „Aguirre, der Zorn Gottes“, Herzogs erstem abendfüllenden Spielfilm aus dem Jahr 1972. Kinski spielt darin einen größenwahnsinnigen spanischen Eroberer, der sich im 16.Jahrhundert auf die Suche nach dem sagenumwobenen El Dorado macht. Auch „Aguirre“ wurde in Peru gedreht. Die Low-Budget-Produktion hat 325.000 Dollar gekostet – die Hälfte davon Kinskis Gage. Während der Dreharbeiten sind Regisseur und Hauptdarsteller oft aneinander geraten. Später wird Herzog erzählen, er habe Kinski einmal angedroht, ihn mit acht Kugeln zu erschießen, als dieser vorzeitig abreisen wollte.

Legendär, wie Kinski blafft: „Los, machen Sie die Kamera an und dreht den Scheißdreck runter!“ „Die Kamera dreht jetzt nicht“, antwortet Herzog. Er klingt hilflos, um Autorität bemüht. Darauf Kinski: „Ich spiele das jetzt so, wie ich will, und aus. Sorgen Sie dafür, dass alles still ist. Sie sind kein Regisseur, Sie müssen bei mir lernen! Ein Zwergenregisseur sind Sie, aber kein Regisseur für mich.“

Ein Stat und ein Zwergenregissuer

Zwei weitere Filme hat Kinski mit dem von ihm verachteten „Zwergenregisseur“ zwischen „Aguirre oder der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ gedreht, „Nosferatu“ und „Woyzeck“, beide 1979. Die Beziehung ist symbiotisch: Kinski ist ein Star, durch ihn erreichen Herzogs Produktionen ein großes Publikum. Für den Schauspieler, der in über hundert Filmen mitgewirkt hat, meist aber in Nebenrollen und abonniert auf die Rolle eines Psychopathen, bedeuten sie künstlerische Anerkennung.

Im Jahr 1999, acht Jahre nach Kinskis Tod, dreht Herzog den Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“. Darin reklamiert er den Verdienst, Kinskis Unberechenbarkeit, die Wutausbrüche und die Egozentrik kanalisiert und den Schauspieler zu seinen besten künstlerischen Leistungen geführt zu haben. Walter Saxer schüttelt den Kopf: „Totaler Quatsch. Am Set hat Kinski den Ton angegeben. Herzog hatte nichts zu sagen.“

Iquitos: Stadt im Dschungel

Auf Tour durch Iquitos, zu den Drehorten von „Fitzcarraldo“. In einem Motokar, einer Art Motorrad-Rikscha. 30.000 dieser Eintakter soll es in der Stadt geben, Tag und Nacht hallt Iquitos von ihrem Geknatter wider. Die Fahrt führt zu einem Altenheim im Stadtteil San Juan Bautista – hier hat Molly ihr Bordell. Das ehemalige Hotel Palacio, im Film Schauplatz eines Festes, ist ein Prachtbau mit schmiedeisernen Balkonen, die Außenwände mit Mosaikkacheln versehen. Es beherbergt heute ein paar Reiseveranstalter, die Besuchern Touren auf dem Amazonas anbieten. Iquitos lebt vom Tourismus, aber meist bleiben die Gäste nur eine Nacht. Dann geht es weiter – in die Dschungelcamps am Amazonas.

Das Marktviertel Belén ist eng und wuselig. Hier gibt es alles zu kaufen, von Kühlschränken über nachgemachte Designerkleidung bis zu Fledermausföten. Im Film hat Fitzcarraldo hier gewohnt, in einem hölzernen Pfahlbau im Fluss. Die Hütte existiert nicht mehr – der Río Ithaya hat sie wie über hundert andere in seinen Wassermassen begraben.

Dreharbeiten im Dschungel

Während der Dreharbeiten hat Werner Herzog in einer ähnlichen Hütte gewohnt – am Río Camisea, drei Flugstunden südlich von Iquitos: ein Raum mit schwenkbarer Bambustür, darin ein Bett mit Moskitonetz, eine Hängematte und ein primitives Holzregal. Auch Kinski hatte eine solche Hütte. Der Rest der Crew, unter anderem 650 indianische Komparsen, schlief in einem eigens errichteten Camp.

Zwei identische Dampfer hatte Herzog bauen lassen. Mit dem einen, der Huállaga, sollte in den Stromschnellen des Río Urubamaba gedreht werden. Der andere, die Nariño, vom Camisea über einen Hügel in den parallel verlaufenden Urubamaba gezogen werden. Dazu musste zunächst ein Berg gerodet werden. Dann wurden Schienen verlegt und eine Seilwinde konstruiert. Eine herkulische Aufgabe, die inklusive Vorbereitungen fast anderthalb Jahre in Anspruch nahm.

 

Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo: Affe
Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo: Schmetterling
Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo: giftiger Frosch
Iquitos Dschungeltour Fitzcarraldo: grüne Hundskopfboa

Nervenprobe im Dschungel

Im Camp sind die Nerven aller bis zum Zerreißen gespannt. In seinem Tagebuch berichtet Werner Herzog von Kinskis Wutanfällen. Einer wird in Wort und Bild festgehalten. In seinem Dokumentarfilm „ Mein liebster Feind“ kommentiert Herzog die Szene aus dem Off: „Dieser Streit hier, nebenbei mit gefilmt, betraf den verdienstvollen Produktionsleiter Walter Saxer. Zufälligerweise war ich einmal nicht gemeint.“

„Verdienstvoller Produktionsleiter…“: Walter Saxer lächelt. In Herzogs Tagebuch bekommt auch er sein Fett weg. Und Kinski: „Natürlich hat er Tobsuchtsanfälle gekriegt, aber auch zu Recht. Herzog ist jeden Tag unvorbereitet zum Dreh gekommen und hat sich als erstes mit seinem Kameramann besprochen – für Kinski, der über 100 Filme gedreht hatte, war das einfach nur unprofessionell.“

Ein Sieg der Vorstellungskraft

Der Film hängt an einem seidenen Faden. In der Trockenzeit läuft die Huállaga auf Grund und sitzt monatelang fest. Und die Seilwinde will und will nicht funktionieren. Herzogs Tagebucheinträge werden immer verzweifelter. Mal erscheint ihm Kinski in einem Alptraum als unflätiger Kellner, dann bemerkt er fatalistisch, dass seine ganze Existenz auf eine Dimension verkürzt sei: eine Schneise und ein Schiff. Als Kinski erneut ausflippt, erbietet sich angeblich ein Indianerhäuptling, den Schauspieler zu töten. Dann beginnt die Regenzeit. Die Huállaga schwimmt sich frei. Und auch die Nariño bewegt sich.

Im Film scheitert Fitzcarraldo. Eines nachts lösen die Indianer die Seile, mit denen das Schiff vertäut ist. Der Dampfer treibt herrenlos durch die Felsschlucht des Urubamba und wird irreparabel beschädigt. Fitzcarraldo verkauft ihn und nutzt das Geld für eine Opernaufführung an Bord eines anderen Schiffes. Ein Sieg der Vorstellungskraft über die Realität. Wie auch dieser Film.

Der Dschungel vergisst

Abends am Malecón Tarapaca in Iquitos. Familien flanieren über die Uferpromenade. Gaukler führen Kunststücke vor, zwei Schauspieler ein Straßentheater auf. Mit dem Río Ithaya als Hintergrundkulisse. Breit und träge wälzt er sich an Iquitos vorbei. Am anderen Ufer beginnt der Urwald: undurchdringlich und unbezähmbar. Das epische Ringen, dem sich Werner Herzog und Klaus Kinski in den Tiefen des Urwalds ausgesetzt haben? Ist hier nur ein Wimpernschlag der Geschichte.

 

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