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Auf Pablo Escobars Spuren in Medellín

von | Mai 25, 2018 | Kolumbien, Südamerika

Medellín ist eine Boom-Stadt: jung, innovativ, spannend. Mit perfektem Klima: Das ganze Jahr über liegen die Temperaturen zwischen 20 und 30 Grad. Und: Medellín iat sicher. Das war nicht immer so. In den 1980ern herrschte hier das Drogenkartell des Pablo Escobar, die Kriminalität war enorm. Heute kann man in Kolumbiens zweitgrößter Stadt Urlaub machen. Und auf Tour de Pablo ins Medellín von damals abtauchen.

In Los Olivos, einem Stadtteil für Gutbetuchte, blickt sich Guillermo Escobar suchend um. „Die nächste Straße rechts, dann ist es das dritte oder vierte Haus. Dort hat sich der Vorfall“ ereignet. Die nächste rechts, die 79. Straße, steigt leicht an. Mangobäume spenden Schatten, schmucke Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten reihen sich aneinander. Das Haus mit der Nummer 45F-69 ist zweigeschossig, rostrot verklinkert, mit schwarzem Ziegeldach. Die Rolläden zur Straße sind heruntergezogen, die Fenster vergittert.

Der „‚Vorfall“, wie Guillermo es ausdrückt, gilt bis heute als epochales Ereignis in Medellín. Wie alle, die damals dem Kindesalter entwachsen waren, weiß er auch heute noch, wo er am frühen Nachmittag des 2. Dezember 1993 war: „Ich saß mit Freunden zusammen. Erst brach das Telefonnetz zusammen. Dann kam eine Sonderausgabe der Nachrichten: Sie hatten Pablo Escobar in diesem Haus erschossen. Wir dachten, seine Leute würden zurückschlagen, aber nichts ist passiert. Auf einmal war alles anders. Wir spürten eine Stille, einen Frieden. Wir hatten die Bomben und die dauernde Gewalt so satt.“

Guillermo Escobar tritt aufs Gas, Schaulustige sieht man hier nicht so gerne, das Haus soll kein Wallfahrtsort werden. Guillermo ist ein Cousin dritten Grades von Pablo Escobar. Das heißt nichts in Kolumbien, wo die Verwandtschaftsverhältnisse oft weitläufig und verzwickt sind. Kennen gelernt hat er Pablo jedenfalls nie. „Gut so“, findet Guillermo, „wer weiß, ob ich sonst noch am Leben wäre.“

Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: Mugshot

Früher hohe Kriminalität in Medellín, heute sicher

Pablo Escobar war der größte Drogenschmuggler, den die Welt je gesehen hat. Mit seinem Medellín-Kartell kontrollierte er ab den 1970er Jahren 80 Prozent des globalen Kokainhandels. Er stürzte Kolumbien ins Chaos und bescherte Medellín mit über 6.500 Todesopfern pro Jahr die höchste Mordrate der Welt. „Nach Einbruch der Dunkelheit wagte sich kaum jemand auf die Straße. Einmal musste ich nachts raus, mein Sohn war krank, und ich fuhr zu einem Arzt. Plötzlich ging eine Schießerei los – wir waren mittendrin. Ich warf meinen Sohn auf den Boden und legte mich über ihn. So kamen wir davon, aber es waren schreckliche Minuten.“

25 Jahre nach Pablo Escobars Tod sind Erinnerungen wie diese ein fernes Echo aus einer anderen Zeit. Das Medellín des Jahres 2018 ist anders. Die comunas wurden aufgewertet,, die Armenviertel am Rande des Valle de Aburrá, in dem Medellín liegt. Aus ihnen rekrutierte das Kartell seine Auftragsmörder. Heute verbinden Seilbahnen die comunas mit der Metro – das Konzept gilt als innovativ und wird in vielen südamerikanischen Städten kopiert. Die Idee dahinter: Je effizienter der öffentliche Nahverkehr desto besseren Zugang haben besonders die Armen zu legaler Arbeit und desto eher widerstehen sie der Versuchung illegale Jobs anzunehmen. Heute gilt Medellín als eine der sichersten Städte Südamerikas.

Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: Virginia Vallejo

Medellín heute: Bürgersinn statt Kriminalität

Guillermo fährt durchs Nobelviertel El Poblado, vorbei an edlen Einkaufszentren und teuren Apartmentanlagen und durchs quirlige Zentrum mit seinen Hochhäusern. Die Straßen sind breit und von Bäumen gesäumt. Überall appellieren Schilder an den Bürgersinn: „Wir lassen unser Stadt nicht verdrecken!“ „Abfall gehört in Mülleimer!“ Die Aufforderungen werden offensichtlich befolgt, die Straßen jedenfalls sind ausgesprochen sauber.

Das Barrio Antioquia: kleine, unverputzte Häuser, enge, verwinkelte Straßen. In jedem Haus ein Geschäft: Eisenwaren-, Lebensmittel- oder Krämerladen. Die Welt der Einkaufszentren scheint weiter als nur zehn Autominuten entfernt. Aus schummrigen Eckkneipen ertönen Tangos. Der Tanz ist in Medellín so populär wie nirgends außer in Buenos Aires, Carlos Gardel, der wohl berühmteste Tangosänger aller Zeiten feierte hier umjubelte Auftritte – bis er 1995 auf Medellíns Flughafen bei der Kollision zweier Flugzeuge ums Leben kam.

Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: mit Gustavo Gaviria
Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: Fußball
Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: Nápoles
Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: Familie

Fabelhafter Reichtum

Das Barrio Antioquia war immer ein armes Viertel. Wer vom Land floh, ließ sich hier nieder. Die Leute mussten von etwas leben, Arbeit gab es nicht, also verlegten sie sich auf illegale Geschäfte. Hier ist das Medellín-Kartell entstanden. „Früher war dies das Viertel der Alkoholschmuggler“, erzählt Guillermo. „In den 70er Jahren stiegen sie auf Kokain um. In Kolumbien kostete ein Kilo damals rund 2.000 Dollar, in Miami wurde es für 18.000 und mehr verkauft. Es war leicht, schnell reich zu werden, und alle wollten an dem Boom teilhaben, auch die Söhne der traditionellen Eliten.“

Am meisten profitierte Pablo Escobar. Mit einem geschätzten Privatvermögen von 2,7 Milliarden Dollar galt Pablo er Anfang der 1980er Jahre als siebtreichster Mann der Welt. Er hatte den Drogenhandel industrialisiert: Flugzeuge brachten das Kokain tonnenweise nach Mittelamerika. Von dort wurde es in die USA transportiert – in kleinen Mengen, um den Schaden gering zu halten, sollte mal etwas schief gehen. Escobar lebte auf einer Ranch, der Hazienda Nápoles, drei Autostunden von Medellín entfernt: mit Privatzoo, künstlichen Seen, und eigenem Flughafen. Heute ist Nápoles öffentlich zugänglich – als Vergnügungspark.

Pablo Escobar in der Politik

Envigado, eine Kleinstadt im Speckgürtel von Medellín. Im Zentrum ein Park mit alten Eichen: wie mit der Nagelschere geschnittener Rasen, penibel gestutzte Blumenrabatten. Um den Park verspiegelte Bürobauten, dahinter Wohnviertel mit kleinen Einfamilienhäusern. Envigado wirkt wohlhabend, aber auch ein bisschen steril – auf dem Reißbrett entstanden. Pablo Escobar ist hier aufgewachsen, dies war das Zentrum seiner Macht. „„Er ließ Straßen asphaltieren und Ampeln errichten“, erinnert sich Guillermo. „Die Elendsquartiere verschwanden, die Leute dort bekamen bessere Wohnungen. Und es gab keine Diebe hier, Pablo hat sie umbringen lassen.“

Gleich hinterm Park die bunkerartige Polizeiwache und das Rathaus im Stil einer Landvilla. Beide Gebäude wirken überdimensioniert, beide hat Pablo Escobar bauen lassen. Virginia Vallejo, seine ehemalige Geliebte, beschuldigt in ihrer Autobiografie „Amando a Pablo, odiando a Escobar“ führende Politiker der Kollaboration mit dem Drogenboss. Sie schildert auch, wie Pablo Escobar 1982 die Partei Civismo en marcha gründete, „Bürgertugenden auf dem Vormarsch“, und ins Parlament einzog.

Ein knappes Jahr später musste er zurücktreten: In einer hitzigen Plenardebatte hatte Innenminister Rodrigo Lara den wahren Ursprung von Escobars Reichtum enthüllt. Lara bezahlte seinen Mut mit dem Leben, er wurde von Escobars Auftragsmördern erschossen. „Pablo hat immer erst versucht, die Leute zu kaufen“, sagt Guillermo. „So lange alle für ihn arbeiteten, gab es keine Hindernisse. Polizisten zum Beispiel hatten keinerlei Ausbildung. Man füllte ein Papier aus, legte vier Fotos bei – schon war man bei der Polizei. Der typische Polizist war ungebildet und verdiente den Mindestlohn. Zu Pablos Zeiten waren alle korrupt, weniger, weil sie arm waren, denn Korruption fängt im Kopf an.“

Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: La Catedral
Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: Fußballtor
Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: Fitness-Raum
Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: Mahnung

La Catedral: Leben im Luxusgefängnis

Der Weg zu La Catedral führt durch die Vororte von Envigado. Dann geht es bergauf, in steilen, immer enger werdenden Serpentinen. Der Asphalt endet. Im Schritt-Tempo weicht Guillermo kraterartigen Schlaglöchern aus, die sich nach einem kräftigen Guss randvoll mit Regenwasser gefüllt haben. La Catedral hieß das Luxusgefängnis, in dem Pablo Escobar von Juni 1991 bis Juli 1993 wegen illegalem Waffensitz einsaß. Dieses Delikt hatte er gestanden. Im Gegenzug wurden die Ermittlungen gegen ihn eingestellt, sein Vermögen, obwohl illegal erworben, blieb unangetastet. Zu dem Abkommen hatte Escobar den Staat durch eine beispiellose Welle der Gewalt gezwungen. Er ließ Richter umbringen, die gegen ihn ermittelten und Journalisten, die kritisch über ihn schrieben. Er ließ Prominente entführen, einen Präsidentschaftskandidaten ermorden. Und um dessen Nachfolger zu töten, ließ er ein Linienflugzeug in die Luft sprengen – 107 Passagieren kamen ums Leben.

Das Gefängnis existiert nicht mehr. Heute ist hier oben ein Benediktinerkloster. Die Zellen der Mönche sind im Wald verteilt, Kapelle und Gemeinschaftsräume stehen auf der Lichtung, auf der sich die Zellen befanden. Ein paar Meter weiter stehen noch die Gemäuer des Puppenhauses, das Pablo Escobar für seine Tochter Manuela bauen ließ, dahinter die Go-Kart-Bahn für seinen Sohn Juan Pablo. Von dort führen verwitterte Stufen in den unteren Gefängnistrakt. Dort residierte Escobar selbst. In einen Apartment mit rundum verspiegeltem Bad, riesigem Fernseher und Aussichtsterrasse. Er hatte das Gefängnis bauen lassen, er bezahlte die Wärter.

Fußball gegen die Stars von Nacional Medellín

Es gab einen Billardsalon und eine Diskothek. Nach Pablo Escobars Flucht fanden die Behördenhaufenweise Sex-Spielzeug und Bilder von rauschenden Partys. Und einen Fußballplatz Pablo und seine Leute sind hier gegen Stars wie René Higuita und Leonel Álvarez angetreten. Gespielt wurde drei, vier Stunden. Die Profis in den Trikots ihrer Clubs, Escobar Männer in denen der deutschen Nationalmannschaft, des damaligen Weltmeisters. So schildert es Pablo Escobars Bruder Roberto in seinem Buch „Mi hermano Pablo“. Auch er saß hier ein. Stolz vermerkt er, dass Escobars Team alle Spiele gewann.

Hinterm Fußballplatz eine asphaltierte Plattform – der ehemalige Hubschrauberlandeplatz, darüber im Fels ein Ausguck. Von dort hat man einen fantastischen Blick über das Valle de Aburrá. Vor allem aber kann man die einzige Zufahrt Kilometer weit einsehen. Hinterem Ausguck die Ruine eine Bunkers. Dort hat Escobar die Gebrüder Galeano und Moncada tötet lassen – auch sie Mitglieder des Medellín-Kartells. Diese Morde an besiegelten sein Schicksal. Die Regierung ließ La Catedral vom Militär umstellen. Dem Drogenboss gelang zwar die Flucht, doch nun machten Teile des Medellín-Kartells mit der rivalisierenden Bande aus Cali gemeinsame Sache. Sie nannten sich Los Pepes, die von Pablo Escobar Verfolgten, und nahmen seine Familie und seine Infrastruktur ins Visier. Anderthalb Jahre hat Pablo Escobar dieses Leben durchgehalten. Dann wurde er von iener Sondereinheit der Polizei aufgespürt und erschossen.

Medellin Urlaub Kriminalität Pablo Escobar: Fahndungsplakat

Der Friedhof San Pedro erstreckt sich über mehrere Hügel. Die Gräber sind schachbrettartig angeordnet: Holzkreuz mit Inschrift, davor ein Blumenbouquet – sonst nichts. Als Pablo Escobar hier zu Gabe getragen wurde, war San Pedro voller Trauernder, die seinen Namen skandierten. Heute ist in Mdellín nichts mehr von solcher Heldenverehrung zu spüren. Das Grab ist schlicht: eine mit Tannenzweigen bedeckte Marmorplatte, davor ein Gedenkstein. Daeruf Escobars steht: „Wenn du einen guten Menschen siehst, versuche, ihn zu imitieren. Siehst du einen schlechten, dann hinterfrage dich selbst.“

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