+49 2203 5697 964 blog@america-viva.de

Tango in Uruguay

von | Apr 30, 2018 | Südamerika, Uruguay

Für die Welt ist die Sache klar: Der Tango ist in Buenos Aires entstanden. Für die ganze Welt? Ein kleines Land am anderen Ufer des Río de la Plata leistet Widerstand: Für die Menschen ist Uruguay liegen die Ursprünge des Tango in Montevideo. Und Carlos Gardel, der Begründer des tango canción, des gesungenen Tangos, ist natürlich auch: Uruguayer.

Dass Ramón Larossa Tänzer ist, erkennt man auf den ersten Blick: an der aufrechten Haltung. So steht er da im Terminal von Buquebus, der Fährverbindung von Buenos Aires auch Montevideo: ein kleiner Mann mit weißen Haaren und Schnurrbart.

Ramón Larossa ist ein tanguero: ein leidenschaftlicher Tango-Tänzer seit frühester Jugend. Und er kennt sich wie kein zweiter aus in der Geschichte dieser Musik aus. Dass der Tango in Buenos Aires entstanden ist, wie man landläufig glaubt? Ramón winkt ab: nur eine Legende.

Tango in Uruguay: das Hafenviertel  von Montevideo

In Wahrheit sei es hier geschehen: in der Altstadt von Montevideo, dem ehemaligen Hafenviertel. Ramón zitiert Jorge Luis Borges, den großen argentinischen Schriftsteller: “Man assoziiert den Tango mit dem Klang des Bandoneons und Weltschmerz der italienischen Einwanderer in Buenos. Im Ursprung war der Tango aber eine heitere Musik – entstanden in den Spelunken im Hafenviertel von Montevideo.“

Vom Terminal von Buquebus sind es nur ein paar Schritte ins ehemalige Hafenviertel. Die Gassen dort sind eng und mit Kopfstein gepflastert, die Häuser einfach. Keine Verzierungen, keinen Balkone und schon gar keine koloniale Pracht. Die Fassaden brüchig, die einst bunten Farben verblichen und abgeblättert. Eine Arme-Leute-Viertel heute und Ende des 19. Jahrhunderts als hier Einwanderer aus Europa auf Afro-Uruguayer trafen, die Nachkommen ehemaliger Sklaven. Aus deren Musik, dem Cadombe, hat sich die Milonga entwickelt und daraus wiederum der Tango.

Tango in Uruguay: Plaza Independencia in Montevideo

„La cumparsita“ – geschrieben und uraufgeführt in Montevideo 

Die Plaza de la Independencia im Zentrum Montevideos. In der Grünanlage in der Mitte des Platzes spielen Kinder. Die Straßen drumherum sind nahezu autofrei – in anderen Metropolen Südamerika unvorstellbar. Wo heute das Radisson-Hotel in den Himmel ragt, stand einst die Bar La Pasiva. Dort hat Gerardo Matos Rodríguez “La Cumparsita” geschrieben hat, den bis heute bekanntesten Tango. Auch eine Legende. Aber eine die stimmt. Sagt Ramón.

Als “La Cumparsita” im April 1917 raufgeführt wurde, war der Tango in Montevideo längst Volksmusik – für Ramón ein weiteres Indiz, dass Montevideo die wahre Heimat des Tango ist. Anders in Buenos Aires. Dort blieb er die Musik der einfachen Leute und erfasste erst Ende der 1920er Jahre die Oberschicht – über den Umweg Paris, wo ein gewisser Carlos Gardel große Erfolge gefeiert hatte.

Carlos Gardel ein gebürtiger Franzose?

Gardel gilt als Begründer des tango canción, des gesungenen Tango. Überhaupt Gardel: Laut Herrschaftsmeinung wurde der Sänger als Charles Romuald Gardès im Jahr 1890 in Toulouse geboren und kam mit seiner Mutter, der französischen Tänzerin Berta Gardès, im Alter von drei Jahren nach Buenos Aires.

Quatsch. sagt Ramón Larossa. Und zählt die Indizien auf, die gegen diese, wie er es nennt: These sprechen. „Erstens war sein Französisch erbärmlich, Wie kann das sein, wo seine angebliche Mutter kam des Spanischen mächtig war?“ Tatsächlich hat Gardel ein paar Lieder auf Französisch gesungen – mit rollendem R und sehr eigenwilliger Aussprache.

Tango Uruguay Montevideo: Carlos Gardel

Eine Villa und ein Pass

Dann das Chalet in Montevideo, fährt Ramón Larossa fort, eine Villa mit Pool und Tonstudio. Gardel hinterließ es, nachdem er im Jahr 1935 bei einem Flugzeugabsturz in Medellín ums Leben gekommen war. „Das Anwesen war ein Vermögen wert. Warum hat Berta Gardés nie Anspruch darauf erhoben.“

Ramón lächelt triumphierend. Das sollte doch genügen, um die Herrschaftsmeinung in Zweifel zu ziehen. Und dann ist da Gardels Pass. Das Dokument wurde im Flugzeugwrack in Medellín gefunden, war lange in Besitz einer privaten Stiftung und ist heute Teil eines von der UNESCO geführten Archivs, der Memories of the World. Gardels Nationalität wird darin mit argentinisch angegeben – klar, der Sänger hatte sich einbürgern lassen. Aber als Geburtsort ist Tacuarembó in Uruguay vermerkt.

Auf dem Weg nach Tacuarembó

Auf der Cinco, der Nationalstraße Nummer 5 fliegt eine flache Weidenlandschaft vorbei. Hier grenzt Estancia an Estancia, ein Landgut ans nächste. Auf dem meisten wird Vieh gezüchtet, Schafe und vor allem Rinder. Der Viehbestand liegt bei knapp 19 Millionen und ist damit fast sechs mal so hoch wie die Einwohnerzahl Uruguays.

Die Provinz Canelones, eine Autostunde nördlich von Montevideo, ist Uruguays Weinregion. Hier wird vor allem die Rebsorte Tannat angebaut und daraus ein kräftiger und fruchtiger Rotwein produziert. Nur wenige Weingüter bieten Übernachtungen an, alle aber Touren und Verkostungen, mal inklusive Mittagessen, mal ohne. Die älteste Bodega ist das Establecimiento Juanicó, gegründet im Jahr 1830 und seitdem im Besitz der Familie Deicas. Zu deftigen Speisen werden hier preisgekrönte Weine gereicht.

Wenn Du wüsstest….

Im Autoradio läuft “Si supieras” von Carlos Gardel – „La cumparsita“ mit Text. . Ramón singt mit:„Si supieras, que aún dentro de mi alma,
conservo aquel cariño, que tuve para ti“ – Wenn Du wüsstest, dass ich in meine Seele immer noch Zuneigung zu dir bewahre.“

Vor Gardel war der Tango ein Tanz. Die Lieder waren simpel, wenn sie überhaupt Texte hatten, dann bestanden sie aus Anzüglichkeiten. Gardel hat den Tango zur Kunst gemacht. Sein belcanto-artiger Gesang war ebenso stilbildend wie seine Texte über Liebe und Verlust, Schmerz und Trauer.

Im Garten Eden 

Ramón biegt von der Cinco ab auf eine mit Schlaglöchern übersäte Nebenstraße. Sie windet es sich einen Hügel hinauf in ein Tal. Es ist gesäumt von saftigen Wiesen und bestellten Feldern. An einem Fluss endet die Straße. Weiter geht es zu Fuß: über eine Hängebrücke, die beängstigend im Wind schaukelt. Die Furt, die eigentlich durchs Flussbett führt, ist durch tosende Wassermassen unpassierbar.

Das Tal heißt Valle Edén, der Garten Eden. Trotz tief hängender Wolken ist der Anblick bezaubernd. Hier soll Gardel nach der uruguayischen Version eine Kindheit verbracht haben – als Sohn von Carlos Escayola, einem Oberst im Ruhestand. Und von María Lelia Oliva, der minderjährigen Schwester seiner Frau. Weil die Gesellschaft Schwangerschaft eines unverheirateten Mädchens aus bester Familie Ende des 19. Jahrhunderts nicht akzeptiert wurde, wurde María Lelia ins Valle Eden gebracht. Hier gebar sie das Kind: Carlos Gardel.

 

Tango Uruguay Montevideo: im Joventango

Eine abenteuerliche Geschichte  

Berta Gardès, so geht diese Version weiter, wurde als Leihmutter angeheuert. Sie zog mit dem kleinen Carlos nach Montevideo, später ohne ihn nach Frankreich. In Frankreich bekam sie ein Kind: Charles Romuald, Ramón dehnt das Wort: den a-n-g-e.-b-l-i-c-h-e-n Carlos Gardel. Mit ihrem Sohn kehrte Berta Gardès zweieinhalb Jahre später nach Montevideo zurück.

Die Geschichte klingt abenteuerlich. Und sie weist ähnlich viele Ungereimtheiten auf, wie die offizielle. Warum hat Berta Gardès den Jungen nicht mit nach Frankreich genommen. wo sich doch dafür bezahlt wurde, für ihn zu sorgen? Warum ist sie nach Montevideo zurückgekehrt und hat ihn wieder bei sich aufgenommen? Und vor allem: Was in hatte sie nach Tacuarembó verschlagen? Zumindest diese Frage kann Ramón Larossa beantworten: Oberst Escayola war Kunstliebhaber und Mäzen eines Theaters. Dort sein Berta Gardès aufgetreten.

 

Zurück in Montevideo: Tango Uruguayo  

Zurück in Montevideo. Im Joventango, einem Tanzlokal in einer alten Markthalle. Das Publikum ist gemischt: viele ältere, aber auch erstaunlich viele junge Menschen. In Montevideo ist der Tango immer noch tief in der Bevölkerung verwurzelt. Ramón Larossa ist mit seiner señora unterwegs, mit seiner Frau. Nachdem sie die ersten beiden Tänze mitgemacht haben, legen sie nun eine Pause ein.

Diese Geschichte… Natürlich ist, sie spekulativ. Und natürlich lässt sie sich nicht beweisen. Die offizielle aber auch nicht. Deshalb werden Bücher über Gardel geschrieben, die meist die andere, zunehmend aber auch die uruguayische Version stützen sollen. Die wahre Vwersion, wie Ramón beharrt: “Mich als Uruguayer macht es stolz, im selben Land wie Carlos Gardel geboren zu sein.“

Der DJ legt ”La cumparsita” auf. Ramón bittet seinen Frau zum Tanz. Dann schweben sie übers Parkett, Wange an Wange, Arm in Arm. Zwei Menschen, deren Herzen für den Tango schlagen.

Tango Uruguay Montevideo: Ramón Larossa

Neugierig geworden?